Monday, 11 December 2017
Martin Kallen ist Turnierdirektor der Euro 2012
Written by Von Fabian Ruch    Wednesday, 11 January 2012 21:41   
Чемпионаты Европы - Вокруг ЕВРО-2012

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Clever und smart, einflussreich und kompetent: Martin Kallen ist zum dritten Mal Turnier-CEO einer Fussball-EM. Der 48-jährige Berner freut sich auf die Euro 2012 in Polen und der Ukraine vom 8.Juni bis 1.Juli. (Bild: Markus Hubacher)

Der Frutiger hat die Fussballwelt erobert

BLS-Lehrling und EM-Direktor Martin Kallen ist am letzten Mittwoch leicht erkältet, aber bestens gelaunt. Er geniesst Anfang Januar die letzten Ferientage in seiner Heimat im Berner Oberland, ehe die Vorbereitungen auf die Euro 2012 in die Endphase steigen. Kallen bittet in seinem einstigen Kinderzimmer in Frutigen zum Gespräch. Seine Mutter lebt immer noch in diesem Haus – und Martin Kallen und seine Frau verbringen hier regelmässig erholsame Tage. Zuletzt gingen sie oft Ski fahren und besuchten die Weltcuprennen in Adelboden. 

Martin Kallen spricht in Frutigen über zwei Stunden lang über seine spannende, intensive Arbeit als Direktor der Euro 2012 in Polen und der Ukraine. Der 48-Jährige blickt auf einen erstaunlichen beruflichen Werdegang zurück. Er wuchs in Frutigen auf, träumte von einem Engagement als Schauspieler, absolvierte eine Lehre als Betriebsdisponent bei der Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn, arbeitete auch mal als Lehrer an der Handelsschule in Interlaken und lancierte nach dem Betriebswirtschaftsstudium ab 1994 seinen sehr steilen Aufstieg in der Fussballwelt.

 

 

Martin Kallen ist Turnierdirektor der Euro 2012 in Polen und der Ukraine. Im Interview spricht der Berner Oberländer über seine Arbeit und d

ie Probleme in den Gastgeberländern, über die Zusammenarbeit mit den Oligarchen und die grausamen Hundetötungen in der Ukraine.

Martin Kallen, wie weit sind die Planungen für die Euro 2012?  (Interview auf Russisch)

Martin Kallen: Es fehlen noch rund zehn Prozent, aber das ist normal bei solchen Grossveranstaltungen. Und es bleiben ja noch fünf Monate, bis es losgeht.

Und wo gibt es noch Probleme?
Wie immer bei derart riesigen Events bestehen die grössten Schwierigkeiten bei der Infrastruktur. Im Vergleich zur letzten Euro in der Schweiz und in Österreich musste in Polen und der Ukraine viel mehr investiert, aufgebaut und renoviert werden.

Im letzten Jahr rügte die Uefa die Austragungsländer, weil es erhebliche Verzögerungen beim Stadionbau gab. Und jetzt hört man, dass Flughäfen und Autobahnen noch immer nicht den hohen Ansprüchen genügen...
...und es hat, gemessen am erwarteten Touristenaufkommen, eher wenig Hotelzimmer. Doch ich bin sicher, dass es für alles eine Lösung geben wird. Die Ukraine ist ein riesiges Land, 15-mal so gross wie die Schweiz. Also wird es deutlich mehr Flüge geben. Und es hat nicht überall Autobahnen, das ist richtig, aber gut ausgebaute Autostrassen. In Polen ist dank EU-Geldern vieles auf einem höheren, moderneren Standard als in der Ukraine.

Das tönt nach beschwerlichen Aufenthalten für die EM-Gäste.
Ich bin sicher, dass sich jeder ausländische Fan wohlfühlen wird.

Wie viele Touristen werden denn insgesamt erwartet?
In beiden Ländern rechnet man mit je rund einer Million Besuchern. Aber ich glaube, dass es ein bisschen weniger sein werden. Zudem werden viele Fans auch nur für eine Partie anreisen.

Welchen Eindruck haben Sie von Polen und der Ukraine erhalten?
Ich war in den letzten Jahren oft dort und werde bis zur Euro jeden Monat mindestens drei Wochen in Polen oder der Ukraine verbringen. Es hat wunderbare Gegenden, die Altstadt von Lemberg beispielsweise ist sehr barock, Kiew und Warschau sind spannende, boomende Städte. Letztlich aber geht es an der EM um den Sport. Und zum Glück sind ja alle grossen, wichtigen Fussballnationen dabei...

...mit Ausnahme der Schweiz...
...die leider ausgeschieden ist, ja, aber nicht den Stellenwert von Deutschland, England, Italien oder Spanien besitzt. Weil diese Länder alle am Turnier teilnehmen, während vor vier Jahren ja England fehlte, erwarte ich eine fantastische Veranstaltung.

Welches sind Ihre wichtigsten Aufgaben bis zum Beginn der Euro am 8. Juni?
Ich muss vor allem den Überblick über alle Planungsgruppen behalten, ich muss koordinieren, leiten, aber auch delegieren. Vieles läuft auf politischer Ebene ab, und vieles ist anders, als wir Westeuropäer es gewohnt sind.

Wie meinen Sie das konkret?
Man muss sich anpassen und daran gewöhnen, dass die Strukturen und Denkweisen sehr hierarchisch sind. In der Ukraine ist das noch ausgeprägter als in Polen. Zahlreiche Stellen müssen ihren Segen oder Stempel geben, und Befehle werden nur ausgeführt, wenn der direkte Vorgesetzte informiert und einverstanden ist.

Das muss mühsam sein.
Die Mentalität ist völlig anders als bei uns, vieles läuft nur über Beziehungen. Man muss die richtigen Leute an den richtigen Stellen kennen. Es gibt regelmässig neue Verantwortliche in der Politik oder in den Städten, das ist schwierig, aber macht die Arbeit ja auch enorm spannend.

Gerade in der Ukraine hört man oft von Korruption. Die schwerreichen Oligarchen sind mit zweifelhaften Geschäftsmethoden zu Reichtum gekommen. Wie geht die Uefa damit um?
Man muss, wie oft im Leben, Kompromisse eingehen. Die Euro findet nun einmal in Polen und der Ukraine statt, und das ist eine faszinierende Wahl, weil es teilweise auch eine Reise ins Ungewisse war. Es hat in der Ukraine erschreckende Unterschiede zwischen Superreichen und Bettlern, das ist viel ausgeprägter als in Westeuropa. Aber es ist nicht die Aufgabe der Uefa, Zustände zu verändern oder Politik zu betreiben. Wir richten die Fussball-EM aus, und damit hat es sich.

In Donezk ist der Oligarch Rinat Achmetow die dominierende Figur, in Charkow ist es mit Alexander Jaroslawski ebenfalls ein Milliardär, der mit dubiosen Geschäften reich wurde. Wie erleben Sie die beiden Ukrainer?
Sie sind sehr kooperativ und stolz darauf, finden EM-Partien in ihren Stadien statt. Ohne die beiden würde es keine Euro in der Ukraine geben. Achmetow hat in Donezk eine Arena hingestellt, die allerhöchsten Ansprüchen genügt. Ich denke, es ist das modernste Fussballstadion der Welt mit 220 Festangestellten. Achmetow dirigiert mit Schachtar Donezk einen starken Klub, der regelmässig in der Champions League dabei ist. Donezk hat Kiew überholt, auch die politische Spitze des Landes ist derzeit mit Leuten aus Donezk besetzt.

Achmetow und Jaroslawski sind skrupellose Geschäftsleute...
...die Geld verdienen wollen, klar, aber das wollen viele andere Leute auch. Sie sind cleverer als die meisten, sonst hätten sie es nicht so weit gebracht. Und würden wir nicht die entscheidenden Personen kennen und eng mit ihnen zusammenarbeiten, wäre es unmöglich, die Euro durchzuführen. Wir finden bei jedem Problem eine Türe, die sich öffnen lässt.

Wie verständigen Sie sich?
Oft auf Englisch, und in Polen sprechen viele Deutsch. Ich kann sogar ein wenig Russisch, zudem habe ich immer den gleichen Dolmetscher dabei. Man erreicht in beiden Ländern viel, wenn man zuhört, respektvoll auftritt und sich gegenseitig anerkennt. Die Uefa ist keine Besatzungsmacht. Wir spüren grosse Vorfreude.

Im Westen wird heftig über die brutalen Hundetötungen in der Ukraine diskutiert. Wie sehr belastet Sie dieses traurige Thema?
Als ich erstmals in der Ukraine war, realisierte ich, wie viele streunende Hunde es da gibt. Es sind Hunderte. Die Leute stellen die Tiere auf die Strasse, wenn sie keine Freude mehr daran haben oder in die Ferien gehen. Wir haben sofort klargemacht, dass wir es nicht gutheissen, wenn die Hunde auf furchtbare Art getötet und beispielsweise in einem Container verbrannt werden.

Aber ändern kann die mächtige Uefa das offenbar nicht.
Bei mir im Büro sass wohl schon jede Tierschutzorganisation, die es gibt, und Brigitte Bardot, die sich stark für Tiere einsetzt, schrieb mir einen Brief. Wir haben mehrmals interveniert und üben Druck aus. Aber wir sind wegen der Euro dort und nicht, um das Leben in der Ukraine auf den Kopf zu stellen. Im Übrigen werde ich auch im privaten Umfeld oft damit konfrontiert.

Inwiefern?
Weil alle davon sprechen. Mein 13-jähriges Göttikind schrieb mir vor kurzem, ob ich da nichts ausrichten könne, sie habe ganz schlimme Bilder von Hundetötungen auf Facebook gesehen.

Von Polen hört man abgesehen von der Hooliganproblematik weniger schlimme Nachrichten.
Es ist deutlich westlicher und moderner. Und diese Hooligans sind bei Ligaspielen aktiv. Durch die neuen Stadien, die verschärften Gesetze und die verbesserte Stadiensicherheit hat sich die Situation aber stark verbessert. Ich bin sicher, dass es zu keinen Ausschreitungen kommen wird.

Wie schwierig gestaltet sich denn die Organisation, weil erneut zwei Länder an der Ausrichtung beteiligt sind?
Es sind noch einmal mehr Leute dabei, insgesamt arbeiten über 700 Leute, die nur von der Uefa angestellt sind, in den Zentralen in Warschau und Kiew mit. Vor vier Jahren waren es 450.

Wie wichtig sind erfolgreiche Gastgeberteams für das Turnier?
Sehr, sehr wichtig. Schieden sie wie 2008 die Schweiz nach wenigen Tagen aus, wäre das der Euphorie enorm abträglich. Man hat vor acht Jahren, als das Turnier auch nicht im Zentrum Europas, sondern in Portugal ausgetragen wurde, gesehen, wie entscheidend ein starkes einheimisches Team für die Begeisterung ist.

Wie viele Spiele werden Sie an der Euro im Sommer live sehen?
Es wird wohl jeden Tag eines sein, insgesamt wohl so 18.

Und wer wird Europameister?
Deutschland spielt überragend. Natürlich ist Spanien Welt- und Europameister. Aber ich glaube, die Deutschen sind hungriger.(Berner Zeitung)

Last Updated ( Wednesday, 11 January 2012 21:50 )
 

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